Pille und Krebsrisiko: Was ist heute wissenschaftlich bekannt?
Autor: Dr. med. Jörg Zorn, Arzt
Immer wieder liest man, dass die Einnahme der Anti-Baby-Pille auch langfristige Auswirkungen auf das Krebsrisiko haben kann. Insbesondere das mögliche Risiko für Brustkrebs sorgt häufig für Verunsicherung. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass hormonelle Verhütungsmittel auch vor bestimmten Krebsarten schützen können. Der Zusammenhang zwischen Pille und Krebs ist komplex und wird weiterhin intensiv erforscht. Der folgende Beitrag fasst den aktuellen Wissensstand (März 2026) zusammen.
Lesedauer: 5 Minuten
Kann die Pille Brustkrebs verursachen?
Diese Frage muss sehr differenziert betrachtet werden. Denn auch wenn nach aktuellem Wissensstand ein Zusammenhang besteht, ist das absolute Risiko sehr gering.
Große internationale Studien zeigen, dass die Einnahme der Pille mit einer leichten relativen Erhöhung des Brustkrebsrisikos verbunden ist. Mit „relativ“ ist hier gemeint, es ist etwas höher als ohne die Pille.
Das hört sich beängstigend an, allerdings verändert die Betrachtung des absoluten Risikos die Einschätzung. Denn bei jungen Frauen ist Brustkrebs insgesamt selten. In Zahlen sieht das so aus:
- In der Altersgruppe unter 35 Jahren erkranken ohne Pilleneinnahme etwa 2 von 10.000 Frauen pro Jahr an Brustkrebs.
- Unter aktueller Einnahme der Pille steigt diese Zahl auf etwa 3 von 10.000 Frauen pro Jahr.
Das bedeutet: Statistisch führt die Einnahme der Pille zu einem zusätzlichen Brustkrebsfall pro 10.000 Frauen und Jahr.
Risiko nimmt mit höherem Alter leicht zu
Bei Frauen zwischen 35 und 39 Jahren liegt das Grundrisiko höher. Hier kommt es ohne hormonelle Verhütung zu etwa 16 Brustkrebsfällen pro 10.000 Frauen, unter Pilleneinnahme zu etwa 20 Fällen pro 10.000 Frauen. Das entspricht 4 zusätzlichen Fällen pro 10.000 Frauen.
5-10 Jahre nach dem Absetzen wieder so wie ohne Pille
Wichtig ist: Dieses leicht erhöhte Risiko besteht nur während der Einnahme und in den ersten Jahren danach. Etwa 5 bis 10 Jahre nach dem Absetzen der Pille gleicht sich das Brustkrebsrisiko wieder vollständig dem von Frauen an, die nie hormonell verhütet haben.
Und noch etwas anderes ist wichtig: Das tatsächliche Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Einnahme der Pille ist nur einer davon. Die familiäre Vorbelastung, der Lebensstil oder bestehende Erkrankungen haben einen wesentlichen Einfluss und müssen bei der Bewertung immer mitberücksichtigt werden.

Pille und Krebsrisiko – gesteigert und reduziert zugleich
Wenn die Ausführungen zum Brustkrebsrisiko schon zeigen, wie schwierig das Thema zu bewerten ist, wird es jetzt noch etwas komplexer. Gleichzeitig hat die Einnahme der Pille nämlich auch schützende Effekte. Sie senken nachweislich das Risiko für Eierstock- und Gebärmutterkrebs.
Große Metaanalysen zeigen für Eierstockkrebs eine Risikoreduktion von etwa 30-50 %, für Gebärmutterkörperkrebs von etwa 30-40 %. Der schützende Effekt nimmt mit der Dauer der Einnahme zu und bleibt über viele Jahre nach dem Absetzen bestehen.1,2
Zur Einordnung: Betrachtet man 10.000 Frauen, erkranken ohne Pilleneinnahme im Laufe des Lebens etwa 120 bis 130 an Eierstockkrebs und rund 200 bis 250 an Gebärmutterkrebs. Unter längerer Einnahme oraler Kontrazeptiva reduziert sich diese Zahl jeweils um mehrere Dutzend Fälle pro 10.000 Frauen.
Insgesamt betrachtet scheinen orale Kontrazeptiva somit sowohl eine risikosteigernde als auch schützende Wirkung zu haben.
Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung
Für die individuelle Entscheidung für oder gegen die Pille ist daher eine sorgfältige Abwägung wichtig. In der öffentlichen Wahrnehmung steht das leicht erhöhte Krebsrisiko oft stark im Vordergrund und die absolut betrachtet sehr geringe Gefahr bei gesunden jungen Frauen findet weniger Beachtung. Gleichzeitig können die schützenden Effekte gegenüber bestimmten Krebsarten einen relevanten gesundheitlichen Vorteil darstellen.
Ob die Pille als Verhütungsmethode geeignet ist, sollten Sie im persönlichen Gespräch mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt klären. Dabei können individuelle Risikofaktoren, familiäre Vorbelastungen und persönliche Präferenzen berücksichtigt werden. So lässt sich eine informierte Entscheidung treffen, die sowohl den Verhütungswunsch als auch die langfristige Gesundheit einbezieht.

Häufige Fragen zur Pille und zum Krebsrisiko
Erhöht die Pille das Brustkrebsrisiko dauerhaft?
Nach aktuellem Kenntnisstand (März 2026) scheint das Brustkrebsrisiko unter der Einnahme der Pille leicht erhöht zu sein. Dieses erhöhte Risiko nimmt jedoch nach dem Absetzen der Pille wieder ab und normalisiert sich im Verlauf der folgenden Jahre. Ein dauerhaft erhöhtes Risiko wird derzeit nicht angenommen.
Spielt die Dauer der Pilleneinnahme eine Rolle für das Krebsrisiko?
Ja, Studien deuten darauf hin, dass sowohl die Dauer der Einnahme als auch der Zeitpunkt eine Rolle spielen können. Längere Einnahmezeiten können das Risiko für bestimmte Krebsarten beeinflussen, gleichzeitig verstärken sie aber auch die schützenden Effekte gegenüber Eierstock- und Gebärmutterkrebs. Die Zusammenhänge sind komplex und individuell unterschiedlich.
Hat jede Pille das gleiche Krebsrisiko?
Nein. Das Krebsrisiko hängt von der Art des Präparats und der enthaltenen Hormonkombination ab.
Die meisten verfügbaren Daten beziehen sich auf kombinierte orale Kontrazeptiva, also Präparate mit Östrogen und Gestagen. Für diese ist eine leichte Erhöhung des Brustkrebs- und Gebärmutterhalskrebsrisikos beschrieben, gleichzeitig aber auch eine deutliche Senkung des Risikos für Eierstock- und Gebärmutterkrebs.3-5
Reine Gestagen-Monopräparate (die Minipille) wurden lange als möglicherweise risikoärmer in Bezug auf Brustkrebs eingeschätzt, da sie kein Östrogen enthalten. Neuere große Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass auch diese Pillen mit einer geringen relativen Erhöhung des Brustkrebsrisikos verbunden sein können. Die Datenlage ist hier weniger umfangreich als bei Kombinationspräparaten.3-5
Für die schützende Wirkung gegenüber Eierstock- und Gebärmutterkrebs liegen die stärksten Belege für kombinierte Präparate vor. Ob reine Gestagenpräparate einen vergleichbar starken Schutzeffekt bieten, ist derzeit weniger eindeutig belegt.
Insgesamt scheint das Krebsrisiko nur bedingt von der Pillen-Art abzuhängen und stärker von individuellen Faktoren wie Alter, Einnahmedauer und familiärer Vorbelastung. Die Wahl des geeigneten Präparats sollte daher immer individuell und nach ärztlicher Beratung erfolgen.
Sollten Frauen mit familiärer Krebsbelastung auf die Pille verzichten?
Bei familiärer Vorbelastung, insbesondere bei Brust- oder Eierstockkrebs, ist eine besonders sorgfältige ärztliche Beratung wichtig. Ob die Pille geeignet ist, hängt vom individuellen Risikoprofil ab und sollte gemeinsam mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt entschieden werden.
Gibt es Verhütungsmittel ohne Einfluss auf das Krebsrisiko?
Hormonfreie Verhütungsmethoden wie Kondome, Kupferspirale oder natürliche Familienplanung greifen nicht in den Hormonhaushalt ein und haben daher keinen bekannten Einfluss auf das Krebsrisiko. Welche Methode geeignet ist, hängt von den persönlichen Bedürfnissen und Lebensumständen ab.
Quellen
1. Collaborative Group on Epidemiological Studies of Ovarian Cancer: Ovarian cancer and oral contraceptives: collaborative reanalysis of data from 45 epidemiological studies including 23,257 women with ovarian cancer and 87,303 controls. The Lancet. 2008;371:303–314. │ 2. Collaborative Group on Epidemiological Studies on Endometrial Cancer: Endometrial cancer and oral contraceptives: an individual participant meta-analysis of 27,276 women with endometrial cancer from 36 epidemiological studies. The Lancet Oncology. 2015;16:1061–1070. │ 3. Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer: Breast cancer and hormonal contraceptives: collaborative reanalysis of individual data from 53,297 women with breast cancer and 100,239 women without the disease. The Lancet. 1996;347:1713–1727. │ 4. Mørch LS et al.: Contemporary hormonal contraception and the risk of breast cancer. New England Journal of Medicine. 2017;377:2228–2239. │ 5. International Agency for Research on Cancer (IARC), World Health Organization: IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans. Volume 91: Combined Estrogen–Progestogen Contraceptives. Lyon: IARC; 2007.
Weitere Quellen
Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer: Breast cancer and hormonal contraceptives: collaborative reanalysis of data from epidemiological studies. The Lancet, 2017. │ International Agency for Research on Cancer (IARC), World Health Organization (WHO): IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans. Volume 91: Combined Estrogen–Progestogen Contraceptives. Lyon. │ Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ): Hormonelle Verhütung und Krebsrisiko. Informationsmaterialien für Patientinnen. [online] https://www.dkfz.de [letzter Zugriff: 15.01.2026].



